Viele Eltern treibt es um: Wie ernähre ich mein Kind gesund und richtig? Der Waldorfkindergarten Esslingen bietet ein anthroposophisch inspiriertes Ernährungskonzept für die Kleinen. Mit Infoveranstaltung und beim gemeinsamen Kochen berät die Einrichtung aber auch die Eltern.

Mit Ernährung im Kontext der Anthroposophie verbinden die meisten wohl zunächst die Lebensmittel mit dem bekannten Demeter-Siegel, das Produkte der biologisch-dynamischen Landwirtschaft kennzeichnet. Dass Ernährung aus Sicht der Anthroposophie aber noch viel mehr bedeutet, als auf Herkunft und Qualität der Lebensmittel zu achten, erklärt der Kindergartenkoch Hubert Lutz interessierten Eltern bei einem gemeinsamen Abend in der Kindergartenküche. „Für mich ist die ganze Frage der Ernährung ein großes Abenteuer“, sagt er und reicht eine Schüssel mit Gnocchi aus Hirse herum. Dazu gibt es einen Dip aus Kräutern, Mandeln und Quark. „Doch man sollte nicht unterschätzen, wie schwierig es ist, festgefahrene Ernährungsformen aufzubrechen.“

Dem Heilpädagogen und Koch aus Aalen ist es wichtig nicht nur eine anonyme Dienstleistung bereit zu stellen, sondern die ganze Familie mit ein zu beziehen. Mit den Gnocchi bringt er die Kinder dazu, Hirse zu essen und auch die Eltern langen an diesem Abend kräftig zu:„Es ist schmeichelhaft, dass es Ihnen schmeckt“, lacht er. „Aber es geht nicht nur um den Geschmack, je nach Lebensmittel entfaltet sich eine unterschiedliche Wirkungsweise.“

Bei Kindern sei zudem zu beachten, dass der Geschmack noch nicht in demselben Maße ausgebildet sei, wie beim erwachsenen Menschen. „Wenn ich einen Salat für Kinder mache, dann ist das ein halber Nachtisch, ein samtiges Esserlebnis mit Sahne und viel Joghurt. Das schmeckt uns Erwachsenen so nicht.“

Eine Mutter fragt, ob es denn auch im Sinne der anthroposophischen Ernährung sei, ganz auf Zucker zu verzichten. „Die Wirkung von Zucker, ist im gewissen Sinne eine Illusion“, erklärt Herr Lutz. „Die Süße wirkt im Augenblick, aber ernährt uns nicht nachhaltig.“ Gleichzeitig warnt er aber davor, sich an einzelnen Stoffen oder an Fragen der „richtigen“ Lebensmittel zu sehr aufzuhalten. Auch Zucker sei ein grundlegender Nährstoff. Und wenn etwas seelisch aus den Fugen gerate, dann könne die Wirkung der Zuckerillusion teilweise sogar wohltuend wirken. Ernährung, so Herr Lutz, sei etwas Weitreichenderes, bei dem es neben den richtigen Stoffen vor allem auch auf den richtigen Rhythmus ankomme.

Gerade in den ersten sieben Lebensjahren durchlaufen Kinder entscheidende Sinnesentwicklungen. Im besten Kindergartenalter festigen sich dabei Ernährungsgewohnheiten und Rhythmen, die ein Leben lang nachwirken können. So etwas wie einen Ernährungsratgeber aus der Feder des Anthroposophie-Begründers Rudolf Steiner gibt es im Übrigen nicht. Vielmehr stehen seine Anmerkungen zu Ernährungsfragen im Kontext von verschiedenen Vorträgen und Schriften, etwa dem Band „Grundlegendes zur Erweiterung der Heilkunst“ (1925), indem die Ernährung im Zusammenhang mit Krankheit und Gesundheit behandelt wird. In der anthroposophischen Betrachtung lassen sich Fragen der Ernährung auch gar nicht von anderen Fragen trennen, die der Mensch an sich selbst und seine Lebensweise stellen sollte. So kann die Ernährung nicht abgetrennt von der Art und Weise der Bewirtschaftung des Bodens betrachtet werden, dem Umgang mit lebendigen Tieren und den gesellschaftlichen Auswirkungen von Ernährung.

„Welche Bedeutung hat also das Kochen für Kinder?“, fragt Herr Lutz die Eltern. „Ich sehe das als große Verantwortung. Für mich ist die Ernährung eine entscheidende Grundlage, von der unser geistiger und seelischer Anteil wachsen kann.“ Dass gesunde Ernährung auch noch schmecken kann, dafür ist die Kochkunst von Herrn Lutz der beste Beweis. Die Gnocchi mit Kräuterdip sind inzwischen restlos verschwunden.

Literaturtipps:
Otto Wolff „Was essen wir eigentlich?“
Dr. Udo Renzenbrink: „Ernährung unserer Kinder.“

Autor: Martin Heidelberger